Mittwoch, 28. März 2012

Japan: Mit der Ogasawara-maru von Tokyo nach Chichijima

Beschilderung am Takeshiba Pier
Es ist nun kurz vor 8 Uhr am Morgen und in kurzer Zeit passieren wir die ersten Inseln der Chichijima-Inselgruppe bevor wir pünktlich um 11:30 in Chichijima ankommen.

Meine (erste) Reise auf der Ogasawara-maru neigt sich somit langsam dem Ende zu. Sie war zugleich schlimmer als erwartet, als auch besser als erwartet. Um ehrlich zu sein, ich würde ein Flugzeug jederzeit dieser Schiffsreise vorziehen. Nur gibt es keins, da es keinen Flughafen gibt, und das ist auch gut so. Somit muss man sich entweder auf eine teure und unbequeme Reise in der 2. Klasse einstellen, oder auf eine noch viel teurere Reise in einer der höheren Klassen (eine Nacht in einer Suite in einem Top 5 Sterne Hotel kostet weniger als eine Kabine in der ersten Klasse).

Der "Waterflont" Plaza am Takeshiba Pier an dem sich die Gruppen sammeln
Aber fangen wir am Anfang an. Am Vortag fand ich mich knapp vor 9 Uhr am Takeshiba Pier ein nur um eine endlos lange Schlange vorzufinden, die sich aus dem Gebäude heraus, quer über den ganzen Vorplatz zog. Wie sich zu meiner Erleichterung herausstellte, war das die Schlange der Leute, die bereits ein Ticket hatten… Also hin zum Schalter 4, wo sich eine deutlich kleinere Schlange von vielleicht zehn Menschen befand und pünktlich um 9:00 begann auch schon die Vergabe der Tickets. Mein Versuch eine Studentenermäßigung zu bekommen wurde erwartungsgemäß niedergeschmettert (nur für Studenten japanischer Universitäten) und so blätterte ich meine rund 220 Euro für ein One-Way-Ticket in der 2. Klasse hin, um mich dann an die lange Schlange draußen anzuhängen.

Die Schlange für diejenigen, die bereits ein Ticket für die Ogasawara-maru haben
Endlich am Schalter wurde mir mein Ticket gleich wieder abgenommen und dafür erhielt ich eine „Passagierliste“ und ein neues Ticket. Die Passagierliste füllte ich mit meinen Daten aus und machte mich dann auf die Suche nach meinem Versammlungspunkt. Nur hatte das Boarding bereits begonnen, also reihte ich mich gleich dort ein. Durch eine enge Gangway kam ich endlich aufs Schiff wo mir ein rosa Zettel mit einem Buchstaben und einer Zahl in die Hand gedrückt wurde. Ich dachte mir rosa, super, das wird dann eine der Gemeinschaftskabinen für Frauen sein! Es bedeutete aber auch, dass ich bis hinab in den Bauch des Schiffes musste, wobei aber mein Koffer dankenswerterweise getragen wurde.

Mein Ticket von Tokyo nach Chichijima. Leider musste ich es gleich darauf wieder abgeben.
Die Gemeinschaftskabine war so groß wie mein letztes Hotelzimmer. Darin aufgereiht waren drei Reihen an Decken der Länge nach und fünf Reihen der Breite nach. Meine… nennen wir es Überraschung über die etwas größere Nähe meiner Nachbarn (die Broschüre und Webseite sagt allerdings, dass deutlich mehr Betten als auf dem Bild dort aufgelegt werden können) wurde gleich darauf zu etwas, dass sehr nahe an Panik grenzte, als mehrere Männer in den Raum kamen. Ich wartete, bis sie ihren Fehler einsahen, aber das war nicht der Fall. Sie hatten tatsächlich Nummern für meinen Raum…
Berührungsängste sollte man in der 2. Klasse nicht haben...
Ich entschloss mich zuerst einmal das Schiff zu erkundigen. Mit Handtasche und Kameratasche erkämpfte ich mir einen Platz am Oberdeck und bevor ich es mich versah, legten wir schon ab. Viele Fotos und eine schöne Fahrt durch die Bucht von Tokyo, vorbei an der Rainbow Bridge, Odaiba, dem Flughafen Haneda und Disney Sea, das ganze gekrönt von einem erhabenen Berg Fuji in weißem Gewand, später, musste ich mich der Realität stellen.
Abfahrt aus Tokyo (rechts im Bild ein amerikanisches TV-Team)
Durchfahrt unter der Rainbow Bridge in der Tokyo Bay
Viel los am Haneda Flughafen!
Gaaaaaanz unauffällig schummelt sich da der Fuji aufs Bild :D Und ja, das ist der Pokemon Jet von ANA!
Und noch einmal: All Nippon Airways mit dem Pokemon Jet vor dem Tokyo Tower und der Rainbow Bridge
Es ging wieder hinab in meine Kabine. Wie befürchtet waren die Bettstätten rechts und links von mir belegt. Von Männern. Ich wäre zwar nicht glücklich drüber gewesen so nah mit mir unbekannten japanischen Frauen zu kuscheln, aber selbst in Seitenlage war es aufgrund der Kürze der Bettstätten nicht möglich sich irgendwie hinzulegen ohne an die Nachbar zu stoßen… also machte ich mich auf den Weg zur Information.

Dort teilte man mir mit, dass ich beim an Board kommen sagen hätte sollen, dass ich eine der Kabinen nur für Frauen wollte. Hatte man mir das nicht gesagt? (Nein, hatte man nicht.) Nun waren schon alle voll. (Waren sie vermutlich schon als ich an Board gekommen bin.) Allerdings war eine Reisegruppe nicht gekommen und es waren einige Plätze frei geblieben, ich solle doch mal schauen ob die noch frei waren. Im riesigen Gemeinschaftsschlafraum auf dem C-Deck fand ich dann tatsächlich ein praktisch komplett leeres Eckchen. Ich holte mir zwei Nummern von der Info und nahm damit meinen neuen Platz in Besitz. Als ich mit meinem Koffer ankam, hatten sich rings um mich bereits mehrere Leute jeweils auf zwei Plätzen ausgebreitet. Gut für sie!
Blick von meinem Doppel-Platzerl in die Mitte des Gemeinschafts-Schlafraums der Ogasawara-maru
Der Gemeinschaftsraum war eine Freude, obwohl man aufgrund der vielen Leute annehmen könnte, dass es laut und unerträglich sein würde, war es das Gegenteil. Leute hatten Spaß, lächelten sich an, es war hell und freundlich. Es dauerte eine Weile bis ich bemerkte, dass zu meinen Nachbarn auch zwei Babies gehörten und zwar als vor meinen Augen ein Kidnapping stattfand. Die Eltern des einen Kindes hatten mit ihren Körper und Gepäck eine Art Krippe gebildet und schliefen tief und fest. Die andere Mutter spielte mit ihrem Kind zwei Plätze weiter und als sie merkte, dass das Mädchen zusah, lockte sie sie zu sich. Zusammen spielten die Kinder für über eine halbe Stunde bis die Eltern aufwachten. Aus dem Kidnapping bildete sich dann eine natürliche Babysitting Gemeinschaft. Und nein, hier kannte niemand den anderen. Ich fühlte mich einfach wohl hier.

Ich verschlief den Großteil des Nachmittags. Auf dem Schiff gab es einfach nichts zu tun. Es gibt keinen Salon um einfach nur zu sitzen (ich konnte mich glücklich schätzen, dass ich eine Wand hatte um mich dagegen zu lehnen) und außer den Videoräumen, dem Karaoke und den zwei Restaurants gibt es nur Schlafräume und das Deck um ein bisschen Luft zu schnappen. Also verbrachte ich meine Zeit mit lesen, unterbrochen von Mittagessen und Abendessen.
Abendessen an Board der Ogasawara-maru: Leckerer Wafu-Hambaagu mit Reis und Miso-Suppe
Nach einem atemberaubenden Sonnenuntergang, viel Lesen, viel hin und her wandern treppauf und treppab, etwas Essen und wieder viel Lesen, ging um 10:00 abends das Licht aus. Ich legte mich ebenfalls hin und versuchte zu schlafen.
Sonnenuntergang im Pazifik von der Ogasawara-maru
Ich habe bereits ein Jahr in Japan verbracht und auf Futons am Boden geschlafen, aber eine Decke, und auch nicht zwei, sind kein Futon. Der Untergrund war einfach nur hart. Der Polster war eine Art Nackenkissen in der Ausführung hart und sehr hart (ich hatte ja zwei davon). Wenn ich mich strecken wollte dann waren meine Füße auf der Wand ansonsten blieb mir nur über mich irgendwie zu falten. Direkt über mir war außerdem der Abzug und obwohl der Rest des Raumen praktisch still war (kaum ein Schnarchen und wenn dann nur kurz und leise) so klang es so als würde der Fahrtwind direkt neben mir vorbeiziehen (22 Knoten, kurzzeitig sogar über 24 Knoten). In der Mitte des Raumes war es relativ still, am anderen Ende hörte man hingegen schon wieder das Surren der Getränkemaschinen, dann doch lieber den Wind.

Letztendlich überzeugte ich mich davon, dass ich nicht aus Versehen meine Nachbarin treten würde, wenn ich mich umdrehen würde (sie war Richtung Gang gerutscht und ihre Füße hingen heraus), drehte mich um, nahm die zweite Decke als deutlich bequemeres Kopfpolster, verstopfte meine Ohren mit Stöpseln gegen den Wind und schlief endlich halbwegs ein.

Um halb sechs in der Früh weckte mich das erste Tageslicht. Ich nutzte die Chance vor den meisten anderen wach geworden zu sein für eine schöne heiße Dusche (mit eigener Umkleide, sehr praktisch). Um sechs Uhr früh ging dann auch das Licht wieder an, aber die meisten blieben einfach liegen. Ich aß mein Frühstück, dass ich mir in weiser Voraussicht bereits in Tokyo gekauft hatte und sobald meine Haare trocken waren ging ich an Deck wo die Luft bereits angenehm warm war und die Sonne schien. Nachdem die Restaurants erst um 7 öffneten (und sich vor dem Hauptrestaurant schon eine Schlange, die sich um das Treppenhaus wandte, gebildet hatte), holte ich mir einen warmen Kaffee aus einem der Automaten und zog mich wieder an meinen Platz zurück. Und hier sitze ich nun. Es ist inzwischen halb neun. Zeit wieder mal an Deck zu gehen. Ich habe bereits gestern aufgehört meine Wertsachen mit mir herumzutragen. Erstaunlich wie sicher ich mich hier fühle… gecheckt wird vorm Einlaufen trotzdem zur Sicherheit alles. Aber wenn ich daran denke dass es eine aktuelle Mode in Tokyo ist mit durchsichtigen Handtaschen herumzugehen…
Morgen auf der Ogasawara-maru
Mein Hintern tut weh, Zeit sich wieder zu bewegen.

Add on: Es ist 11:25 und wir legen gerade auf Chichijima an. Die letzten Stunden verbrachte ich an Deck während kleine Inseln vorbeizogen und genoss die Sonne und den Wind und das Meer. Ca. 1h vor Ankunft sahen wir sie plötzlich: Wale! Buckelwale! Und sie sprangen aus dem Wasser und taten all die Sachen, die man aus unzähligen Dokumentationen kennt. Es war geradezu surreal und dennoch fühlte man auf die Entfernung einfach die Lebensfreude bis zu uns überschwappen. Danach hielten wir Ausschau nach Delphinen, aber bis auf potentiell einen (Fotobeweis eventuell möglich) blieb es still. Nachdem ich zum ersten Mal im Leben Wale gesehen habe, beschwere ich mich aber nicht.
Ein Schwarzfußalbatros (Phoebastria nigripes) begleitet unser Schiff in der Nähe von Mukou-jima
Von der Ogasawara-maru kann man sogar Buckelwale (Megaptera novaeangliae) sehen
Ein springender (Breaching) Buckelwal. Ich kann nicht in Worte fassen, wie es sich anfühlt so etwas in ECHT zu sehen, statt in einer Dokumentation. Einfach unglaublich!
Vor der Insel liegt derzeit ein Kreuzfahrtschiff vor Anker, die Fuji-maru. Auf beiden Seiten wurde gewinkt und wir wurden dann auch mit dem Schiffshorn begrüßt. Im Hafen liegt die winzige (!) Hahajima-maru. Ich werde gleich heute meine Tickets kaufen, das Schiff ist WINZIG! Am Steg warten bereits die ganzen Unterkünfte mit Schildern und als wir näher kamen wurden die Banner mit „Willkommen“ ausgerollt. Zeit zusammen zu packen. Ich bin am Ziel.
Das Kreuzfahrtschiff Fuji-maru im Hafen von Chichijima, Ogasawara Inseln
Die kleine Hahajima-maru im Hafen von Chichijima
Die Einheimischen von Chichijima warten bereits auf die Ankunft der neuen Gäste
Letzter Blick auf meinen Schlafplatz auf der Ogasawara-maru bevor es von Board geht

Samstag, 24. März 2012

Japan Reise 2012: Auf zu den Ogasawara Inseln

Als ich letztes Jahr über die zwei neuen japanischen UNESCO-Welterbe berichtete, recherchierte ich etwas über das Welt-Natur-Erbe Ogasawara Inseln. Bisher nur auf meiner Liste von Zielen, die ich "irgendwann" einmal besuchen will, gefiel mir das, was ich gelesen hatte so gut, dass es unter meine nächsten Reiseziele sprang.

Ich muss zugeben, dies war die bisher am schwersten zu organisierende Japan-Reise. Ich werde nach meiner Rückkehr im Detail darüber berichten, da ich dann beurteilen kann, was geklappt hat und was nicht. Nur soviel sei gesagt: Die 25 1/2h Anreise mit der Fähre (bei gutem Wetter) ist nur ein kleiner Teil der Mühen, die man überwinden muss.

Hier nun also meine Reise-Route. Änderungen sind wie immer Vorbehalten!

25.März: Abflug Wien nach Tokyo
26.März: Ankunft Tokyo
27.März: Abfahrt mit der Fähre von Tokyo nach Chichijima (Ogasawara Inseln)
28.März: Ankunft in Chichijima
29.März: Chichijima
30.März: Chichijima
31.März: Fahrt mit der Fähre von Chichijima nach Hahajima
01.April: Hahajima
02.April: Hahajima
03.April: Hahajima
04.April: Fahrt mit der Fähre von Hahajima nach Chichijima
05.April: Ganztagesausflug zur Keeta-Insel
06.April: Abfahrt mit der Fähre von Chichijima nach Tokyo
07.April: Ankunft in Tokyo
08.April: Kamakura und Enoshima (Kirschblüten-Hochsaison, vorraussichtlich)
09.April: Abflug Tokyo und Ankunft in Wien

Wie immer werde ich versuchen einige Berichte "on the road" zu machen. Mal sehen wie die Internet-Anbindung auf den Ogasawara-Inseln ist...

Sonntag, 18. März 2012

Begegnungen mit der Yakuza in Japan

Japanischer Polizist beim Abnehmen von Fingerabdrücken
Im April ist mein 10-jähriges Japan-Jubiläum. Damals reiste ich zum ersten Mal nach Japan. Seit diesem ersten Mal habe ich ein Jahr in Japan gelebt und inzwischen mehr Reisen dorthin getätigt als man noch zählen würde. Um ehrlich zu sein, keine Ahnung wie viele es waren, aber einige. Zum Teil 2-3 Mal pro Jahr. Ein Job in der Reisebranche gibt einem Zugang zu günstigen Tickets und den habe ich genutzt.

Eine Frage, die ich immer wieder gestellt bekomme, ist ob ich jemals an die japanische Mafia, die Yakuza (Aussprache: Iacksa), geraten bin. Ich kann über zwei Ereignisse berichten, wo ich das bejahen kann, eventuell waren da mehr, aber ich kann es nicht sagen. Ich wurde mir erst im Nachhinein darüber klar, bzw. wurde darüber aufgeklärt, was da eigentlich abgelaufen war.

Das erste Mal war 2003 während meines Auslandsjahrs in Japan. Ich fuhr zusammen mit zwei Studienkolleginnen zum Thermen- und Meereskurort Atami. Eines Abends gingen wir in der Kleinstadt spazieren und fragten einen Motoradkurier wo der nächste 24-Stunden Supermarkt ist. Er erklärte uns den Weg und gab uns außerdem eine Visitenkarte zu einer "Snack-Bar" und lud uns dorthin ein. Da wir nichts für den Abend geplant hatten, dachten wir uns, warum nicht.

Wie sich herausstellte war die Snack-Bar ein winziges Lokal mit einer Bar und zwei kleinen Tischen. In einer Ecke befand sich ein Fernseher für die Karaoke-Maschine. Wir wurden auf ein Glas Wein und Erdnüsse eingeladen und dann gekonnt zwischen die anderen Gäste gesetzt und gebeten uns mit ihnen zu unterhalten und später dann auch Karaoke zu singen. Irgendwann holte der Besitzer auch einen Stock hervor und erzählte uns, dass der vor 100 Jahren von seinen Vorfahren verwendet wurde, gegen die Polizei...

Langsam wurde uns das ganze unangenehm. Wir verabschiedeten uns und wurden gebeten für den Wein zu zahlen. Wir hatten unseren "Job" die anderen Gäste zu unterhalten offensichtlich nicht erfüllt. Uns wurde gesagt wir wären "kalt". Erst als wir draußen waren sagte meine Kollegin mir, dass der Stock den er uns gezeigt hatte ein Symbol für die Yakuza war. Plötzlich ergab alles irgendwie Sinn...

Es wurde nie irgendwie Druck auf uns ausgeübt, es folgte uns niemand und es lief alles sehr zivilisiert ab, aber im Nachhinein, war mir das ganze doch unheimlich und ich war froh, dass wir den "Test" für was auch immer nicht bestanden hatten.

Das nächste Mal traf ich 2005 auf die Yakuza, auch hier bemerkte ich es zuerst nicht. Ich war mit meiner Freundin mit dem Mietwagen durch Japan unterwegs. Dies war der letzte Tag unserer Reise und wir waren unterwegs von Nagano nach Tokyo. Am Abend hielten wir bei einem McDonald um uns etwas zu stärken. Als wir zu unserem Auto kamen, waren wir von einem Pick-up Truck ziemlich zugeparkt worden. Da der Besitzer nirgendwo zu sehen war blieb mir nichts anderes übrig als mich mit immer wieder reversieren zentimeterweise aus der Lücke zu quälen. Als ich endlich fast draußen war, kam der Besitzer des Wagens und beschuldigte mich sein Auto touchiert zu haben.

Ein Ding der Unmöglichkeit, da er links von mir stand, ich das Fenster offen hatte, immer einen Blick auf den Spiegel und natürlich, da in Japan, auf der linken Seite saß. Da er ziemlich aufgebracht war und sich so vor mich stellte, dass ich nicht rausfahren konnte, reversierte ich wieder in die Parklücke und stoppte den Motor. Er kam schimpfend zum Fenster und versuchte den Schlüssel herauszuziehen und an sich zu nehmen, worauf ich das Fenster zu machte. Er drohte die Polizei zu holen und ich sagte ihm höflich, dass solle er bitte tun.

Er packte tatsächlich sein Handy und rief irgendwo an und wir warteten, während er zwischen seinem und unserem Auto auf und ab ging und immer wieder mit uns schimpfte. Nach vielleicht knapp 10 Minuten blieb ein Polizeiwagen stehen. Wir öffneten wieder die Scheibe, während er wild auf die Polizisten einredete. Wir stellten uns dann kurz vor und gaben ihnen unsere Pässe und den internationalen sowie nationalen Führerschein. Unsere Papiere waren absolut in Ordnung, was der Aggressor offensichtlich nicht vermutet hatte. Bei zwei ausländischen Frauen im Auto hatte er vielleicht gedacht, dass wir Hostessen waren? Keine Ahnung.

Die Polizei untersuchte sein Auto vorne, wo wir in angeblich touchiert hatten und fand nichts. Auf unserer Fahrerseite befand sich aber an der Tür ein langer Kratzer, der definitiv vorher noch nicht dagewesen war, was ich auch sagte. Der Polizist bat uns ins Auto zu steigen, da es dann tiefer lag und dem Unfallzeitpunkt entsprach. Mit einem Maßband ermittelte er die Höhe des Kratzers und siehe da, er entsprach keiner möglichen Stelle am anderen Auto. In dem Moment sprang der andere Typ in sein Auto und fuhr ohne ein Wort weg. Der Polizist kam zu dem Schluss, dass er uns das Auto mit einem Schlüssel zerkratzt hatte um es so aussehen zu lassen, als wäre doch was passiert.

Die Polizei bat uns einen Bericht bei ihnen in der Station abzugeben und wir fuhren ihnen hinterher. Wir erklärten genau was vorgefallen war und wurden darüber aufgeklärt, dass der Typ ein bekannter Handlanger der Yakuza ist und dass es besser wäre sich nicht mit der anzulegen und eine Anzeige gegen unbekannt zu machen. Was wir auch taten. Nach gefühlten drei Stunden (jedenfalls einer sehr langen Zeit) hatte der Polizist seinen handgeschriebenen Bericht fertig. Wir unterschrieben, erhielten eine Kopie für die Versicherung der Mietwagenfirma und durften wieder weiterfahren.

Die ganze Zeit über waren die Polizisten sehr höflich und korrekt zu uns. Allerdings kostete uns das ganze sehr viel Zeit (und somit Geld für die Autobahn, da es bereits viel zu spät war um es sonst noch zeitgerecht nach Tokyo zu schaffen) und letztendlich noch mehr Geld, da die Mietwagenfirma die Anzeige gegen Unbekannt nicht akzeptieren wollte. Letztendlich einigten wir uns auf die Hälfte des Selbstbehalts, also 10.000 Yen, die für den Schaden zu bezahlen waren. Die Einigung erlangten wir auch erst, als wir unsere komplette Geschichte inklusive dezenten Drängen der Polizei auf Anzeige gegen Unbekannt erzählt hatten...

Würde ich es wieder so machen? Schwer zu sagen. Mein Gerechtigkeitssinn drängt mich eindeutig dazu diesen Arsch ('Tschuldigung, aber ist so) anzuzeigen, allerdings habe ich auch vor zukünftig oft Japan zu bereisen und ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist sich mit der Yakuza anzulegen, auch in einer scheinbar so kleinen Angelegenheit wie Vandalismus. Letztendlich würde ich also einmal tief ein- und ausatmen und wieder dem Rat der Polizei folgen.

Interessant ist, dass ich bei beiden Erlebnissen mit Freundinnen zusammen war, sprich eine reine Frauengruppe. Seit ich allein durch Japan reise hatte ich keine einzige bewusste Begegnung mit der Yakuza mehr. Das sind nun bereits sieben Jahre. Um "Snack Bars" mache ich seitdem jedoch einen weiten Bogen. Mit dem Mietwagen fahre ich jedoch immer noch gerne und es gab auch keine weiteren Zwischenfälle mehr. Entweder man fällt als Alleinreisende weniger auf, oder aber ich bin einfach zu uninteressant und meine Freundinnen haben die Aufmerksamkeit auf uns gelenkt. Ich denke, dass es wohl ein bisschen von Beidem sein wird.

Habe ich also Angst vor der Yakuza? Nein, habe ich nicht. Aber ich habe Respekt vor ihr und werde mich tunlichst fernhalten.

Das Bild oben entstand übrigens ebenfalls 2005. Meiner Freundin war in ihrer Unterkunft Geld aus Ihrem Geldbörsel gestohlen worden. Die Polizei nahm Fingerabdrücke davon und dann von den Bewohnern, aber leider fanden sich nur ihre Fingerabdrücke darauf.

Sonntag, 11. März 2012

Ein Jahr danach


Menschenleerer Hoshi no Suna Strand auf Iriomote am 12.März 2011
Vor einem Jahr bin ich um 2 Uhr morgens in meinem Zimmer auf Iriomote aufgewacht und habe mir die Seele aus dem Leib gekotzt. Um 8 Uhr früh saß ich in meinem Mietwagen, fühlte mich absolut hundeelend, und fuhr in die nächste Klinik. Am Nachmittag weckte mich das Jaulen der Sirenen aus meinem Medikament-induzierten Schlaf und ich drehte sofort den Fernseher auf, wo sich eine riesige Tsunamiwelle durch das Landesinnere von Tohoku wälzte und alles mit sich riss. Der Reporter im Helikopter wusste nicht, wie er das kommentieren sollte, und ich fühlte mich als würde sich mein Magen unabhängig von meiner Magen-Darm Grippe versuchen auszustülpen.

Es gibt einige Momente im Leben, zumeist persönliche, aber auch einige die den Großteil der Welt bewegen, an die man sich ewig erinnern wird, im Kontext von wo man war und was man gerade gemacht hat. Der 9. September 2001 ist so ein Tag. Der 11. März 2011 ist für viele, mich inkludiert, auch so ein Tag.

Obwohl ich selbst in keiner Gefahr war, machte ich mir Sorgen um meine Familie und Freunde, die vermutlich keine Vorstellung davon hatten wie weit ich tatsächlich entfernt war von all dem. Meine Versuche Freunde in Tokyo und Yokohama zu erreichen waren aufgrund der überlasteten Telefonnetzte gescheitert. Erst am Folgetag erreichte mich mein Lebensgefährte in meinem Hotel. 

Die meiste Zeit meiner Rekonvaleszenz lief der Fernseher, auch in der Nacht. Neben den immer schrecklicheren Bildern der Vernichtungskraft des Tsunami mischte sich immer mehr Panik um das Kernkraftwerk in Fukushima in die Berichte. Kurz bevor ich die Fähre nach Ishigaki nahm, wurde die Tsunami-Warnung auf den Yaeyama Inseln aufgehoben.  Am 14. März landete ich in abends in Tokyo und bezog für eine Nacht mein Flughafenhotel. Ich spürte mindestens zwei stärkere Nachbeben in der Nacht. In der Früh gab es trotz Warnung keine Stromabschaltung.

Am Flughafen war die Hölle los. Eine endlose Schlange wälzte sich zu den Ticketverkaufschaltern.  Viele Menschen wollten Japan einfach nur mehr verlassen, so schnell wie möglich, egal was es kostet.

Ich hatte mein Flugticket in der Hand, wusste, dass ich Japan noch heute verlassen würde und wollte nicht. Über die Jahre haben mir Japan und seine Bewohner so viel gegeben, dass ich es nicht wirklich in Worte fassen kann. Es ist meine Heimat weg von daheim, selbst wenn ich nur für ein Jahr dort gelebt habe.  In dieser Stunde der Not, wollte ich es nicht verlassen.

Nach meiner Ankunft  in Österreich war ich schockiert wie sich die Medien auf den atomaren Zwischenfall in Fukushima stürzten und dabei der Tsunami mit seiner schrecklichen zerstörerischen Kraft und den unzähligen Toden kaum eine Erwähnung fand. Die wahre Tragödie wurde in den Hintergrund gedrängt zugunsten einer Propaganda-Welle gegen AKWs. Ich hatte nicht das Gefühl, dass den Aktivisten etwas an den verstrahlten Teilen Japans lag. Sie nutzten die Situation dort  für ihre eigenen Zwecke und das erzeugte so viel Wut und Ärger in mir. Als hätte ein geliebter Mensch Lungenkrebs und statt ihm zu helfen wieder gesund zu werden, versuche man ein Zigarettenverbot einzuführen.  Nicht das letzteres an sich verwerflich ist, nur fühlte ich mich als wären die Prioritäten verschoben.

Jetzt sind wir hier, ein Jahr später und trotz aller Schwarzmalerei geht das Leben, auch in Japan, weiter. 

Ich unterstütze Japan auf meine Weise. 

Mein Flug ist gebucht.

Montag, 12. Dezember 2011

Japan: Hateruma, die südlichste Insel Japans

Der Bus der Kabira-Line setzte mich direkt vor dem Fähren-Terminal von Ishigaki ab. Es gibt insgesamt drei Möglichkeiten von hier aus die Insel Hateruma zu erreichen:
  1.  Mit der Fähre von Anei-Kanko ist man in ca. 1h (je nach Seegang) auf Hateruma. Der One Way Preis sind 3000 Yen, Hin- und Retour kostet es nur noch 5700 Yen. Auf dieser Seite (nur Japanisch) sieht man ob die Fähre läuft. 波照間 steht für Hateruma und das deutlich rot markierte 欠航 für eine abgesagte Fährenverbindung.
  2. Mit der schönen, großen Katamaran Fähre von Hateruma Kaiun (leider seit 30.11.11 keine Webseite mehr vorhanden). Sie ist etwas teurer als Anei-Kanko, aber endlos angenehmer. Vor allem wenn man leicht seekrank wird. Der Counter ist etwas versteckt, am besten von der Touristeninfo im Terminal zeigen lassen. 
  3. Mit einem Charterflug oder Privatjet. Der reguläre Flugverkehr wurde vor ein paar Jahren eingestellt, aber in der Hauptsaison bringen einige Flieger auch Gruppen an Touristen hierher.
Die meisten Menschen kommen wegen dem absolut traumhaften Nishihama (West-Strand) nach Hateruma, und weil es die südlichste bewohnte Insel Japans ist.
Die unglaublichen Farben des Nishihama auf Hateruma (Iriomote ist im Hintergrund sichtbar)
In meinem Fall war jedoch der südlichste Punkt (bewohnte) Punkt Japans die Hauptanziehung. Selbstverständlich hatte ich da den Nishihama noch nicht gesehen!
Dieser Stein markiert den südlichsten (bewohnten) Ausläufer Japans
Aber fangen wir von vorne an. Mit der Anei-Kanko Fähre setzte ich nach Hateruma über. Leider durften wir aufgrund hoher Wellen nicht draußen sitzen, aber zum Glück war es doch nicht so schlimm. Ich fixierte den Horizont und in kürzester Zeit war ich schon auf Hateruma. Am Hafen erwartete mich bereits die Chefin meiner Unterkunft und brachte mich zum ihrer kleinen Pension namens Urizun-ya.

Die Pension wurde vom Besitzer selbst gebaut (man sieht Bilder dazu auf obiger Webseite) und ist definitiv nichts für Leute die verschließbare Türen brauchen. Mein "Zimmer" bestand aus einem mit Shoji-Türen begrenzten Raum (der dafür sehr groß war) mit einem Tischchen, ein paar Kleiderhaken auf einem Kleiderständer und meinen Futons. Wie ich später erfuhr gibt es auch zwei Zimmer mit Türen, aber ich habe keinen Blick hinein geworfen.

Ich hielt mich aber nicht länger in meiner Bleibe auf, da ich das schöne Wetter nutzen wollte. Ich ließ meinen Monsterkoffer im Zimmer (wer sollte hier auch schon was klauen) bei offenen Türen (zum durchlüften) stehen, packte mein Kamerazeugs und schnappte mir eins der Fahrräder.
Karte von Hateruma © Ishigaki City Tourism
 Meine Pension war gleich ums Eck vom Mini Store Banare auf der Karte und Nishihama nur ca. 5 Minuten entfernt. Vorausgesetzt man verfährt sich nicht, so wie ich. Dann dauert es etwas länger... Nishihama ist gleich neben dem Hafen und eigentlich sehr leicht zu finden.

Die Farben des Meeres, kombiniert mit den dunklen Flecken der Riffe und dem strahlenden weiß des Strandes sind einfach unbeschreiblich schön. Es ist kaum zu glauben, dass dieses kleine Fleckchen Paradies tatsächlich noch zu Japan gehört. Das Wasser ist absolut glasklar und bunte Fische schwimmen auch im flachen Wasser herum.
Auch unter der Oberfläche hat das Wasser eine bestechende Farbe
Blick von der Hafenmauer (inkl. Wellenbrecher) über die Koralleninseln von Nishihama
Und noch einmal Nishihama ohne Hafenmauer
Am Strand waren erstaunlich wenig Menschen. Einige wateten ins Meer und man konnte sehen, dass auch nach 20 Metern und mehr das Wasser nur knapp übers Knie ging. Sicher auch ein absoluter Traum zum Schnorcheln, sobald man etwas weiter draußen ist und zu den Koralleninseln kommt, aber heute war erst einmal Sightseeing angesagt. Übrigens gibt es auch eine Umkleidekabine am Strand und Wasser zum trinken oder Abspritzen.

Als nächstes ging es weiter nach Westen zum Hamazaki. Der Strand zieht sich von Nishihama weiter ums Eck und wer etwas Abgeschiedenheit mag, ist hier sehr gut aufgehoben. Leider ist die Farbe des Meeres nicht mehr so intensiv, dafür sorgen einige malerische Inselchen für einen guten Blickfänger.
Blick von Hamazaki in Richtung der Biegung hinter er sich Nishihama versteckt
In dem Grünzeug rund um den Strand wimmelte es nur vor schönen Schmetterlingen und auch Eidechsen. Außerdem fand ich auf einer angespülten oder vergessenen Tasche einen Gecko.
Ishigaki Eidechse (Eumeces stimpsoni bzw. Plestiodon stimpsonii)
Radena similis
Ein kleiner Gecko
Weiße Baumnyphe (Idea leuconoe)
An Zuckerrohrfelder ging es dann weiter nach Süden zum Hamashitan Hain.
Zuckerrohr ist DAS Produkt von Hateruma
Der Strand beim Hamashitan ist auch nicht schlecht!
Das Highlight sind aber die knorrigen Bäume die sich über die Felsen zum Meer schwingen.
Der nächste Strand war bei Kezaki und auch dort traf ich auf keine Menschenseele. Der Strand ist von beiden Seiten von Felsen umschlossen und nicht so fein, allerdings unheimlich romantisch.
Korallenstrand von Kezaki
Malerischer kleiner Strand auf Kezaki
Zufahrtsweg zum Strand mit einer Gewöhnlichen Rose (Pachliopta aristolochiae)
An diesem Punkt erkannte ich, dass ich den südlichsten Punkt leider nicht schaffe, wenn ich noch den Sonnenuntergang vom Nishihama sehen möchte. Die Sonne geht auch hier im Süden nämlich bereits um 18:00 herum unter und das auch noch ziemlich flott.

Da ich nicht durch das Mini-Städtchen im Zentrum der Insel fahren wollte, folgte ich der auf der Karte grün markierten Straße, die nicht direkt der Küste folgt. Ich kam am sehr schmächtigen Leuchtturm vorbei und folgte dann einem schönen Weg wieder Richtung Norden. Der Osten der Insel ist komplett anders als der Westen. Anstelle von Zuckerrohrfeldern findet man viel Weideland für die Ishigaki Rinder, sowie einige angebundene Ziegen.
Straße nach Norden an der Westküste von Hateruma
Eine der vielen Ziegen auf Hateruma
Umlegbare Windräder im Norden von Hateruma
Als ich Nishihama erreichte wurde es auch schon langsam Zeit. Zusammen mit einigen anderen suchte ich mir einen netten Platz und genoss das Schauspiel.
Abendstimmung am Nishihama
Noch einmal kommen die schönen Farben des Meeres hervor
Goldener Sonnenuntergang am Nishihama
Bald nach dem letzten Bild verschwandt die Sonne jedoch hinter den Wolken. Die Show war vorzeitig beendet worden. Auf dem Weg retour zur Pension traf ich noch auf diese haarigen Gesellen. Sie ließen die Fotos gnädig über sich ergehen, aber streicheln war leider nicht drin.
Streunende Tigerkatze auf Hateruma
Bis dahin und nicht weiter!
Jetzt reicht es aber mit den Fotos!
Auch wenn es so hell aussieht, das war nur dank meiner tollen Kamera! Als ich bei meiner Pension ankam (ich hatte den Sohn der Familie unterwegs getroffen, sonst hätte ich mich schon wieder verirrt) war es auch schon Zeit fürs Abendessen (und stockdunkel)!
Abendessen im Urizun-ya
Das Essen war einfache aber sehr leckere Hausmannskost und üppig genug für jemanden der vergessen hatte zu Mittag zu essen. Ich war der einzige Gast an dem Abend, also checkte ich nur mehr meine Mails am Gästecomputer und ging dann in mein Zimmer um den nächsten Tag zu planen, bevor es relativ früh ins Bett ging.

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